Das Milchhäusl – Nostalgie (vorletzter Teil)

Der Herbst ist da.
In der Nacht sinken die Temperaturen bereits bis auf fünf Grad ab.
Oft sind es die sonnigen Herbsttage, die den Blick in die Natur zu einem kleinen Highlight werden lassen. Sie sind gezählt.

Der erste Nebel taucht den Garten frühmorgens in lichtweiße Farbe.
Ich bin gespannt, wie sich die Anlage im Winter präsentieren wird, aber auch im kommenden Frühling, zu Jahreszeiten, die wir drüben noch nicht erlebt haben.

Die Kräuterbeete bieten auch jetzt im Herbst einen dekorativen Anblick, da Stauden und stabile Gewürzpflanzen wie Lavendel und Rosmarin Struktur geben.
Die langen, vertrockneten Stängel der Prachtkerzen habe ich zu dicken Buschen zusammengebunden und in Bodenhöhe mit einem Jutesack vor Kälte geschützt.
Die hohen Rispen des Eisenkrautes tanzen im Wind, ihre hellbraunen Samenstände sind im Nu von einer pudrig weißen Schicht überzogen, die im Sonnenlicht glänzt.
Sonnenhut (hier im Bild) macht einfach rund ums Jahr eine gute Figur. Auch Salbei sieht hübsch aus, wenn er nach frostiger Nacht über und über mit Brillanten besetzt ist.

Zum  Abschluss der Saison möchten wir einen Park besuchen, traditionell wie immer um diese Zeit den „Botanischen Garten“ gleich hier in unserer Stadt.
Im Botanischen Garten ist für jeden Geschmack und jede Vorliebe etwas dabei, sei es in den Gewächshäusern mit feuchttropischem Klima, im Orchideenhaus, im Schmuckhof mit Seerosenteich, der mir ganz besonders gut gefällt, oder auf dem hügeligen Berg mit nachgeahmter Alpenlandschaft.
Die Rhododendrenbeete zur „Blüten-Hochzeit“ im Mai sind eine Augenweide oder die ausgedehnten Wildkrokuswiesen und Alpenveilchen in der Vorfrühlingszeit.
Viel Farbe wird nicht mehr zu finden sein.

Wie gewohnt zieht es mich in den Bereich der Nutz- und Arzneipflanzen mit Obst und Gemüse, Kräutern und Gewürzen, etwas außerhalb am Rand gelegen.
Dabei stelle ich fest, dass die Kräuterbeete zum Schutz vor Kälte bereits dick mit Fichtenzweigen und halben Bäumchen abgedeckt sind.
Es riecht „weihnachtlich“, wie ich am Duft der Nadeln wahrnehmen kann.

 „Wo ist jetzt das Milchhäusl?“ frage ich Frank wie meist an dieser Stelle.
Das Milchhäusl ist eine Erinnerung an meine Kindheit. Es lag einst verborgen zwischen Beeten mit üppig blühenden Rosen, dem duftenden Rosengarten. Gemütliche Biergartentische  luden zum Pausieren ein. Gewöhnlich war es sehr heiß. Für uns Kinder gab es traditionell einen großen Becher mit kalter Milch, in der eine Kugel Eis schwamm, und einen bunten Strohhalm.

„Das Milchhäusl ist nicht im Botanischen Garten, sondern im Schlosspark!“, klärt Frank mich knapp auf.
Über einen versteckten Hintereingang mit einer Tür aus verwittertem Holz gelangen wir durch einen dicht bewachsenen Torbogen hindurch direkt in den Nymphenburger Schlosspark. Ein paar Minuten müssen wir noch gehen, dann können wir es sehen, das Milchhäusl.
Zwischenzeitlich ist es zu einem Selbstbedienungscafé umgebaut worden. Das Dach ist mit wildem Wein bewachsen, dessen Blätter spätherbstlich braunrot gefärbt sind.
Es ist eisig kalt, wobei ein scharfer Wind weht.

„Sollen wir uns einen Milkshake kaufen?“, fühle ich vor.
„Wenn dann einen Kaffee“, meint Frank mit skeptischer Miene.
Wir reihen uns in die Schlange Wartender ein, ich studiere die Auslage.
Das typische Milchmixgetränk von früher gibt es nicht mehr, ganz abgesehen davon, dass jetzt die Winterszeit naht. Ich entscheide mich für pappig süße heiße Schokolade mit Sahnehaube.
Wir wählen einen Tisch, die Biergartenstühle sind mit dicken Polstern bedeckt. Ich stelle es mir schön vor, auch bei Minusgraden einen Glühwein oder Früchtetee zum Aufwärmen zu Trinken und auf die Kulisse des Gartens zu blicken.

Aufmerksam schaue ich mich um. Die ehemaligen Rosenbeete sind verschwunden, sie wurden durch Staudenbepflanzungen ersetzt. Vereinzelte Herbstastern tragen die letzten, matt lila getönten Blüten.

Vieles hat sich verändert, aber der ursprüngliche Name „Milchhäusl“ ist noch auf einer Tafel am Ausgang zu lesen.

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