{"id":282,"date":"2014-07-27T15:00:26","date_gmt":"2014-07-27T13:00:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.rathgeber-balance.de\/bloggen\/?p=282"},"modified":"2015-07-14T16:37:43","modified_gmt":"2015-07-14T14:37:43","slug":"am-seerosenteich-gedankenspielereien-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.rathgeber-balance.de\/bloggen\/impressionen\/am-seerosenteich-gedankenspielereien-2\/","title":{"rendered":"Am Seerosenteich&#8230; Gedankenspielereien"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.rathgeber-balance.de\/bloggen\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/Nymphenburg-040-klein1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-300\" src=\"http:\/\/www.rathgeber-balance.de\/bloggen\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/Nymphenburg-040-klein1.jpg\" alt=\"Am  Seerosenteich\" width=\"250\" height=\"166\" \/><\/a>\u201eJetzt muss ich mal ein H\u00fchnchen rupfen mit dir\u201c, polterte Emily in ihrer letzten Mail an die Freundin.<br \/>\nJulia hielt kurz die Luft an und \u00fcberflog die Zeilen, w\u00e4hrend ihre Gedanken voraus eilten. Oder zur\u00fcck?<br \/>\n<!--more-->\u201eDu bist nicht anders wie die Anderen, du bist genauso gleich wie sie\u201c, prangerte ihr Gegen\u00fcber sie an. \u201eDu hast Kinder, einen Beruf, kennst Liebe, Freude, Leid und Sehns\u00fcchte&#8230;, nur, Julia&#8230;, du teilst vielleicht ein paar andere Vorlieben als die Menschen in deinem Umfeld.\u201c<\/p>\n<p><em>\u201eMuss sie denn immer das letzte Wort behalten\u201c<\/em>, murmelte Julia leicht gereizt und l\u00f6schte mit einem Anflug von Genugtuung die Mail. \u201eAus den Augen, aus dem Sinn\u201c, sie wollte keinen Streit anzetteln und schon gar nicht in der Vorweihnachtszeit.<br \/>\nDennoch, ihre j\u00fcngste Erkenntnis, dass sie anders tickte, hatte etwas Tr\u00f6stliches f\u00fcr sie. Kein Wunder, dass sie manchmal nach Worten ringen musste, um sich \u00fcberhaupt verst\u00e4ndlich zu machen. Klang sie so anders?<\/p>\n<p>Die letzten sieben Jahre waren voller \u00dcberraschungen gewesen und sie hatte sich mindestens sieben Mal vom Scheitel bis zu den Spitzen der Zehen geh\u00e4utet. War in bunte Gew\u00e4nder geschl\u00fcpft, hatte Masken ausgetauscht, Schuppen gewechselt und sie wie kleine Miniaturschilde zum Schutz vor sich oder vor den anderen getragen.<\/p>\n<p><em>\u201eEine Schlange, die sich nicht h\u00e4utet, stirbt\u201c,<\/em> sagte Nietzsche. Sieben Mal war Julia gerade so mit heiler Haut entkommen, gef\u00e4llig drehte und wendete sie sich vor dem Spiegel. Denn das was sie sah, behagte ihr.<br \/>\nSchuppe f\u00fcr Schuppe schmiegte sich eng an ihren K\u00f6rper und schimmerte in der Abendd\u00e4mmerung, geheimnisvoll gr\u00fcn wie der Seerosenteich, den sie vor ein paar Wochen im Schlosspark abgelichtet hatte.<\/p>\n<p><em>\u201eEingebildetes Ding\u201c,<\/em> schalt sie laut und \u00fcberlegte, wann der H\u00e4utungsprozess begonnen hatte. Damals vielleicht, als ihr Mann einen neuen Posten \u00fcbernommen hatte, was voraussetzte, dass sie als geduldiges Anh\u00e4ngsel repr\u00e4sentierte? Manchmal hatte sie Marc einfach alleine losgeschickt.<br \/>\nUnd wann war die Metamorphose zumindest f\u00fcrs Erste abgeschlossen gewesen? Nachdenklich strich Julia eine Str\u00e4hne aus der Stirn. Ihr stockte der Atem, wenn sie an die letzte Weihnachtsfeier im Betrieb ihres Mannes dachte. Sie hatte mitten im Sommer stattgefunden und Julia hatte ein leichtes Kost\u00fcm gew\u00e4hlt, um sich den hei\u00dfen Temperaturen anzupassen.<\/p>\n<p>Sie wurden durch die R\u00e4umlichkeiten der Automobilfirma gef\u00fchrt, drangen in das Herzst\u00fcck der Entwicklungsabteilung ein, durften einen Blick auf den Erlk\u00f6nig erhaschen, der mit Stoff verh\u00fcllt war, landeten vor dem Klimawindkanal, wo sie mit warmen Jacken ausgestattet wurden.<br \/>\nJulia fr\u00f6stelte jetzt noch, wenn sie an ihre d\u00fcnnen Schuppen dachte.<br \/>\nSie hatte darauf verzichtet, in den eisigen Raum zu treten, da sie K\u00e4lte noch nie mochte. Einsam, ein wenig verloren, stand sie im Computerraum, der durch dicke Scheiben von der Kammer getrennt wurde.<\/p>\n<p>Die Damen kreischten unbeherrscht, wie sie in St\u00f6ckelschuhen und engen R\u00f6cken auf die Motorr\u00e4der kletterten, um sich im simulierten Wind die Haare aus dem Gesicht blasen zu lassen. Schnee quoll aus einer D\u00fcse und puderte die Modells dick ein.<br \/>\nDas Gel\u00e4chter entfernte sich, dumpf starrte Julia auf die Bildschirme, die mit glitzernd roten Kugeln geschm\u00fcckt waren, und ein Lichterbaum blinkte im Sekundentakt. Weihnachtszauber im Hochsommer&#8230;<\/p>\n<p>\u00dcberrascht h\u00f6rte sie leises Schluchzen, sie war doch nicht alleine. Die andere Frau hatte auch keine Jacke genommen, putzte sich verzweifelt die Nase. Julia wusste, dass ihr Sohn vor ein paar Wochen verstorben war und zwei kleine Kinder hinterlassen hatte. Sie bewunderte die tapfere Haltung, mit der die Frau die Feierlichkeiten ertrug.<br \/>\nJulia trat zu ihr hin, wand einen Arm um die Schulter, strich ihr sanft \u00fcber den Nacken und sp\u00fcrte winzige Schuppen, die noch ganz weich waren und sich wie ein hauchd\u00fcnner Panzer um den Oberk\u00f6rper legten.<br \/>\n<em>\u201eUm die Seele zu sch\u00fctzen, damit sie leichter mit dem Verlust fertig wird\u201c<\/em>, fl\u00fcsterte Julia beruhigt, da sie einen scharfen Blick daf\u00fcr entwickelt hatte, wer Schuppen trug und wer nicht. Es war zu einer Art Hobby f\u00fcr sie geworden, auf einer imagin\u00e4ren Liste fl\u00fcchtig zwei Spalten zu skizzieren und Menschen einzuteilen in Schuppentr\u00e4ger und in Normalh\u00e4uter.<\/p>\n<p>Beim anschlie\u00dfenden Buffet sch\u00fcttelte Julia die Beklommenheit ab, die sie ergriffen hatte, stie\u00df mit ihrem Tischnachbarn bei einem Glas Champagner an.<br \/>\nSie hatte die Ehre neben dem Chef zu sitzen, sie mochte ihn und hatte mit \u00dcberraschung seine Rede verfolgt, in der enorme Leidenschaft mitschwang, was Seele verriet und was die trockenen Fakten der Firmenbilanz so unendlich auflockerte.<\/p>\n<p>Er blickte ihr tief in die Augen, Julias Pupillen glitten unwillk\u00fcrlich ein St\u00fcckchen nach unten zum Ausschnitt seines Polohemdes, sie sah eine hellgr\u00fcne Schuppe aufblitzen, l\u00e4chelte ihm verschw\u00f6rerisch zu&#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eJetzt muss ich mal ein H\u00fchnchen rupfen mit dir\u201c, polterte Emily in ihrer letzten Mail an die Freundin. 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