Felicia im Schnee


Frühmorgens um sieben Uhr ist die Welt noch in Ordnung.
Das neue Jahr ist ganz jung, alle Seiten liegen wie bei einem aufgeschlagenen dicken Heft unbeschrieben vor mir.
Das Wasser im Teekocher zischt, getrocknete Kräuter auf dem Sieb des kleinen Aromalämpchens schwelen und geben einen wunderbaren Duft ab.
Spontan beschließe ich, noch vor dem Frühstück einen Rundgang mit Feli zu machen.
Sie ist mehr als ungeduldig und stößt durchdringende Klagelaute aus.

Draußen herrscht noch tiefe  Finsternis, aber dennoch erkenne ich die vertrauten Konturen. Drei winzige Lämpchen am Teich weisen den Weg.
Wie gewohnt zerrt mich Felicia quer durch den Garten, schlendert an der Garage des Nachbarsgarten entlang, streift die Rhododendren, schnüffelt hie und da an einem Zweig und nimmt Kurs auf den großen aufgeschichteten Holzhaufen unter der riesigen Fichte. Hier ist es trocken und geschützt. Ein Fichtenstumpf lädt zum Sitzen ein.

Der Garten ist zweigeteilt, eine Hälfte leicht mit Schnee bedeckt, die andere Hälfte trocken, besonders im Bereich der ausladenden Fichten. Hier ist der Untergrund kuschelig weich, da die vielen Fichtennadeln, die bei Wind fallen, einen dicken Teppich gebildet haben, der jeden Schritt abfedert.

Heuer habe ich in der Adventszeit kleine Lämpchen an den Holzscheiten angebracht, was urig und heimelig zugleich anmutet.
Felicia streckt ihr Näschen aufmerksam in den Himmel und schnüffelt ganz leicht mit bebenden Flügeln, so wie es ihre Eigenart ist.
Ich folge ihrem Blick, verliere mich in den dichten Zweigen, die bis in den Himmel hinein reichen, und höre Knistern und Rascheln. Schuppen von Fichtenzapfen segeln langsam zu  Boden. Raben krächzen und haben sich zu Schwärmen formatiert.
Das Geräusch von scheppernden Rollläden, die ringsum in den benachbarten Häusern nach und nach hochgezogen werden, signalisiert, dass der Tag langsam beginnt. Es wird heller und heller.

Im neuen Jahr nach Heilig Drei Könige hat es doch noch kräftig geschneit, der ganze Garten liegt unter einer dicken Schneedecke verborgen. Außerdem ist es eisig kalt geworden.  Ein wenig spürt man es schon, dass der Tag wieder länger wird, immerhin schon um einen „Hirschensprung“, und zu Lichtmess Anfang Februar wird es mit einer ganzen Stunde noch deutlicher sein.
Die gewonnenen Minuten nutzen wir aus und lassen den Nachmittag im Freien ausklingen, wobei es viel länger hell ist als in der dusteren Wohnung.

Nun kommt das Wintermäntelchen zum Einsatz. Es ist ein kuscheliges Brustgeschirr aus weicher, aufgerauter Baumwolle, welches ich über das gewohnte Geschirr mit Klettverschlüssen befestige.
Felicia sieht aus wie ein Kätzchen im Schafspelz.
Ungerührt lässt sie die Prozedur über sich ergehen, da sie weiß, was sie erwartet. Ich hole meine dicken Fellhandschuhe, die mir mein Mann aus Lappland mitgebracht hat, befestige die Leine am Handgelenk und raus geht es in die Kälte. Es ist bereits früher Abend.

Felicia versinkt fast im Schnee, stößt gurrende Laute aus, die ihre Zufriedenheit demonstrieren. Sie gräbt sich ein wenig  mühsam durch die weiße Pracht, führt mich an den Zaun zur Eisfabrik, der mit Wildsträuchern bepflanzt ist, die besonders spitze Stacheln tragen wie Heckenrosen, Zierquitten, Berberitzen und ein mächtiger Sanddornbusch. Er hat sich bereits zu einem Baum entwickelt. Außerdem ist er mit Draht an Zaunlatten befestigt, da er schief gewachsen ist.
Ich muss mich sehr schmal  und teils bucklig klein machen, mich wie eine Schlange in geduckter Haltung winden und beschließe bei  nächster Gelegenheit die  Büsche an der Zaunseite auszulichten.

Feli peilt zielgenau eine Zaunsäule  an und erklimmt trotz beengtem Winterpelz die Spitze. Ich reagiere blitzschnell und setze sie behutsam wieder in den Schnee, was sie mit Knurren und Fauchen quittiert. Ihr Schwanz hat sich auf das dreifache Volumen vergrößert.
Es ist geschafft, Felicia  nimmt nach einigen Kletteraktionen, die unbefriedigend ausfallen, Kurs auf den rettenden Holzhaufen unter der großen Fichte und ich kann ein paar Minuten sitzen. Hier ist es geschützt und trocken und immer ein wenig wärmer wie im Rest des Gartens. Der Baumstumpf, der von Rodungsarbeiten beim Zusammenführen der beiden Grundstücke vor sechs Jahren übrig geblieben ist, ist schneefrei. Nur Efeu bedeckt die Obefläche.

Rundgänge wie der heutige lassen einen Tag ausklingen.
Wann der Zeitpunkt genau ist, bestimmt Felicia.
Wenn sie in Spiellaune ist, springt sie hinter Tannenzapfen her, die ich gezielt  in Richtung Terrasse werfe, bis wir die Tür erreichen.

Wenn nicht und sie emotionslos und ohne sich zu rühren auf ihrem Aussichtsposten unter der Fichte verharrt, muss ich warten, bis es ihr zu kalt wird und sie Kurs auf die Kräuterbeete nimmt oder auch den Teich anvisiert, dessen angeböschter  Rand tief verschneit ist. Ein prüfender Tritt auf dem Eis, welches das Federgewicht von vier Samtpfötchen mit Leichtigkeit trägt, beschließt den heutigen Leinengang.

Ein heimeliges Haus erwartet uns.

 

 

 

 

 

 

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