Klostergarten

Herr Gregori, wann können Sie kommen“, frage ich ohne lange Umschweife unseren Architekten ein wenig drängend Anfang der Woche am Telefon. Da es ein längerer Plausch werden wird, habe ich eine Tasse Waldmeistertee aufgebrüht.

Er blättert kurz im Terminplaner und meint bereitwillig, „morgen würde es gehen.“
Wir vereinbaren einen Tag später.
„Ich dachte nur, Sie wollen den Tümpel ansehen und prüfen, ob er an der richtigen Stelle liegt“, erkläre ich mein Anliegen.
„Haben die schon gebaggert?“, fragt er alarmiert.
„Ja, und das kleine Auffangbecken für den Überlauf ist auch ausgehoben.“
„Das macht wenig Sinn“, meint Herr Gregori ein wenig ärgerlich, „das überlaufende Wasser wird einfach in der Wiese versickern.“

Und so soll es später auch kommen.
Nach tagelangen Wolkenbrüchen warten wir gespannt  darauf, dass der Teich überlaufen wird. Dies geschieht jedoch nicht.
Das Wasser versickert kaum sichtbar und völlig unspektakulär am Rande des kleinen Naturmäuerchens Stein für Stein wie auf einer Treppe abwärts im Boden. In einem dünnen unauffälligen Rinnsal.

„Herr Gregori…“, rücke ich etwas zögerlich mit der Sprache heraus, „ich fürchte, es ist zu wenig Platz für die Kräuterbeete eingeplant. Ich wollte doch eigentlich auch Gemüse anbauen. Auch wenn ich später vielleicht nur wieder Dahlien und Sommerblumen einsetzen werde.“
„Sie wollen jetzt aber nicht den halben Tag als Bäuerin im Garten verbringen?“, forscht Herr Gregori misstrauisch nach.
„Nein, nein“, beeile ich mich ihn zu beschwichtigen, „aber sonst wird es so eintönig. Bald ist alles gepflanzt und fertig und was mache ich dann?“

„Eintönig?“, stößt Herr Gregori ungläubig hervor und atmet hörbar Luft aus. „Wie kann es Ihnen denn eintönig werden? Sie haben jetzt einen großen Garten und müssen die Beete zu den Nachbarn unkrautfrei halten!“
„Ja schon“, entgegne ich gedehnt, „aber ich brauche die Kräuter für meine Hydrolate. Ich mache Naturkosmetik selbst und hätte gerne Mädesüß, noch mehr Lavendel, Melisse, Verbene und was sich sonst noch alles so eignet. Und auch mehr Gemüse, weil das den Kern einer natürlichen Lebensweise trifft.“

Herr Gregori scheint zu verstehen.
„Ja gut, um den Brunnen herum werden eh die Kräuter gesetzt“, meint er nachdenklich. „Die sehen auch dekorativ aus und riechen gut.“
„Genau,“, antoworte ich begeistert, „das Gemüse könnte auch im Anschluss weiter hinten an das kleine Terrassenrodell gesetzt werden. Platz genug wäre ja noch vohanden. Vielleicht umrandet von ein paar saftigen Beerensträuchern?“

Herr Gregori ist nun auch angesteckt von meiner nostalgischen Anwandlung und zählt mit hastiger Stimme auf: „Rhabarber muss es sein, Gurken, Zuccini, Bohnen, Kohlrabi, Karotten und Radieschen. Und wenn sich das alles nicht bewährt, kommen Erdbeeren mit rein,“ konstatiert er abschließend. „Wir müssen zwei größere Beete ausbaggern und frische Erde ausbringen. Der Bagger ist doch noch da?“, fragt er lauernd.

Mit Bedauern muss ich zugeben, dass der Bagger längst weg ist und ich wieder nicht richtig mit der Sprache herausgerückt bin.
„Notfalls grabe ich selbst mit dem Spaten und hebe ein Beet aus“, biete ich mich kleinlaut an.
Herr Gregori hört mir längst nicht mehr zu.

„Wie sieht es jetzt eigentlich mit dem Moos aus“, frage ich, vom Thema abweichend, nach. „Ich habe heute ein wenig mit dem Handvertikutierer gerecht.“
„Das ist völlig überflüssig“, gibt Herr Gregori unwirsch zur Antwort. „Ich bin sicher, zwischen dem Moos wächst auch wieder Gras, wenn Sie es richtig düngen!“
„Es war nur eine ganz kleine Stelle unter einem Obstbaum“, verteidige ich mich schwach und denke mit Entsetzen an die Biotonne, die nun randvoll überquillt.
„Schicken Sie ihren Mann gleich noch zum Baumarkt, damit er Rasendünger kauft!“
„Gut“, antworte ich beflissen, „wieviel soll er denn kaufen?“
„Soviel wie er mit beiden Händen tragen kann.“

Wir verabschieden uns und ich eile in den Garten hinüber, um ein wenig an den kahlen Stellen nachzusäen und die gröbsten Spuren zu verwischen.

Es regnet… und regnet…  und ich nutze die Gelegenheit, mit fester Kapuzenjacke geschützt „drüben im Garten“ das Moos zu düngen, in der Hoffnung, dass sich Grashalme durchsetzen werden. Auch die Obstbäume bekommen ihre so dringend benötigte Ration an Nährstoffen.

Das Gartenhäuschen ist da, wobei es es eher ein Haus als ein Häuschen ist. Zulange war ich den offenen Blick gewohnt und wieder macht sich meine Vorliebe für freie Flächen bemerkbar.
Die kleine, etwas vernachlässigte Glanzmispel ‚Red Robin‘ aus alten Beständen wandert und wandert und ist nun am Rande des Häuschens platziert. Die Glanzmispel ist eine wunderschöne, immergrüne Heckenpflanze, deren Blätter im Frühjahr glänzend rot austreiben.

Ich muss aber zugeben, dass die frischgrünen, mächtig gewachsenen Farne, die den Stamm der Kiefer umschmeicheln, sehr gut zum „Häuschen“ passen, ebenso die blühenden Rhododendronbüsche. Lavendelheide, flächig kriechender Waldmeister mit duftig weißen Blüten, Bärlauch mit glänzigen Blättern kleiden diesen Bereich aus. Es ist ein schönes Ensemble geworden. Geany ist mehr als skeptisch und schnüffelt ganz vorsichtig an dem störenden Etwas. Die Westerlandrose mit ihren leuchtend orangefarbenen Blüten wird vermutlich sehr gut mit dem dezenten Anthrazit der Wände harmonieren.

Noch immer sind die ausgegrabenen Büsche und Rosenstöcke zwischengelagert. Eine neue Rose in Kleinformat habe ich erstanden, sie ist am Rande des kleinen Teichbeckens mit den großen Findlingen gepflanzt, das nun gänzlich nackt daliegt, nachdem der Rasensamen aufgegangen ist. Die Pumpe läuft den ganzen Tag, das Wasser zieht kleine Vögel an, die sich mit Vorliebe hier versammeln und ein paar Tropfen Nass aufpicken. Amseln nutzen das Becken als Badenanstalt, um ihre Federn gründlich zu reinigen.

Granitsteine als Pflastersteine für den geschlängelten Weg in Richtung Teich, das würde mir gut gefallen.
Herr Gregori hat den Vorschlag gemacht, die Wege mit alten Pflastersteinen, zwischen denen Gras als natürliche Verfugung wachsen kann, zu befestigen. Pflastersteine, über die einstmals schwere Pferdekutschen hingweggerollt sind, romantisch in meiner Vorstellung. Dann würde aus dem mächtigen Gartenhaus vielleicht doch noch ein Häuschen werden, das sich gefällig in den heimeligen Bereich vor der Küche einfügt.

Der Garten duftet betörend nach Flieder, wenn ich einen kleinen Rundgang mache, sofern es nicht zu stark regnet.
Auf der einen Seite weht Fliederduft heran, auf der anderen Seite das Parfum von Waldmeister.
Obstgarten, Naturgarten und Duftgarten im Trio vereint.

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