Visionen

„Wie sieht es mit Sitzplätzen aus“, forscht Herr Gregori weiter. „Hier unter dem Obstbaum gehört eigentlich eine Bank hin, um ein wenig zu sitzen.“
„Wir sitzen nicht!“, stoße ich automatisch und ohne zu denken hervor. „Der Garten dient nur zur Pflege und zur Nutzung.“

„Warten Sie‘s ab, irgendwann wollen auch Sie nur noch sitzen!“, lächelt Herr Gregor wissend und weidet sich an meinem Blick. „Oder Sie wollen mit Ihren Kindern grillen. Reicht denn der Platz hier auf der Terrasse?“
„Aber ja“, antworte ich leichthin und betrachte nachdenklich den kleinen Sitzplatz vor der Küche.

„Und wenn die Enkelkinder kommen? Dann wird der Platz schon eng“, bemerkt Herr Gregori tadelnd.
„Wir haben keine….“, erkläre ich im Brustton der Überzeugung, doch Herr Gregori winkt nur entschieden ab.
„Sie werden es schon sehen!“ Sein Tonfall und auch seine Mimik lassen keine weitere Diskussion zu.

Frank und unser jüngster Sohn Marcel sind bislang sehr angetan von der Idee, drüben im Garten einen kleinen, stimmungsvollen Grillplatz einzurichten. Mit ein paar schlichten Gartenstühlen ähnlich wie im Biergarten unter schattigen Kastanienbäumen  mit ausladenden Kronen, deren Äste ein heimeliges Blätterdach bilden.
Kastanienbäume gibt es hier nicht, aber Obstbäume, denn es ist ein Obstgarten und das soll auch so bleiben.

Wo die künftigen Kräuter- und Apothekerbeete angelegt werden würden, ist eigentlich klar.
Am Zaun, der im kommenden Frühjahr neu errichtet werden muss, nachdem die beiden Grundstücke getrennt sind.
Hier ist es auch am sonnigsten und die energiebringenden Strahlen würden erst spät am Abend ihre Wirkung verlieren.
Außerdem könnte ich all die zahllosen Stockrosen setzen, die ich bereits aus Samen vorgezogen habe. Ganz deutlich sehe ich Dahlien am Zaun blühen, die einen natürlichen Halt für ihre dicken, spröden Stängel finden, da sie nur allzu leicht umknicken.

„Wie sieht es mit Wasser aus?“, unterbricht Herr Gregori meine Träumereien und ich fühle mich aufgrund des abrupten Wechsels augenblicklich belebt.
Grundsätzlich habe ich den Gedanken daran strikt verboten, noch eine kleine Wasserstelle einzurichten, da unsere beiden Becken genug Arbeit sind, um sie von Laub zu befreien und den kleinen Grasfröschen ein behagliches Leben zu bieten in klarem, frischem Wasser.
Außerdem, wer weiß schon, wann drüben wieder gebaut wird und all die Herrlichkeit vernichtet werden müsste. In sieben Jahren vielleicht…?

„Ein kleiner Tümpel würde schon ganz gut passen“, konstatiert Herr Gregori, unbewusst beeinflussend, was sicherlich nicht beabsichtigt ist. „Mit ein paar  Goldfischen und mit wenig finanziellem Aufwand.“

Die Vorstellung klingt zu verlockend, auch wenn ich mich kaum traue, diesen bezaubernden Traum weiterzuspinnen.
Ein Brunnen mit einem nostalgisch anmutenden Granitbecken, um kostbares Nass nach oben zu pumpen und aufzufangen, damit das Gemüse im Mönchsgarten üppig gedeihen könnte.

Wer würde das  alles verzehren, frage ich mich ein wenig unbehaglich. Wir Drei, wovon Zwei all die frischen Vitamine gar nicht mögen? Augenblicklich schiebe ich den Gedanken beiseite, nachdem mich eine Schnecke flüchtig gestreift hat.
Dieser Brunnen wäre auch der zentrale Mittelpunkt, von dem die Kräuterbeete sternförmig angeordnet nach allen Richtungen auslaufen würden. Ich kann den Duft förmlich wahrnehmen, welche die Kräuter verströmen, sehe das kleine Tischchen vor mir, auf dem ich meine Ernte abgelegt habe, um später in der „Garten- und Naturküche“ Kräuteröl  oder bekömmlichen Essig anzusetzen oder mit Lavendelrispen ein duftendes Blütenwasser im Espressokännchen aufzukochen.

„Es bleiben zwei Gärten“, unterbricht Herr Gregori meine Gedanken und ich spüre den kalten Wind wieder umso mehr. Es wird duster.
„Hier machen wir den Garten auf, ein Teil der Pflanzen kann am Rand stehen bleiben, der Rest wird verpflanzt.“ Herr Gregori hat beide Arme ganz weit nach außen gespannt, um den Umfang der Weite zu demonstrieren.

Ein wenig fröstelnd bahnen wir Drei uns einen Weg zurück zur Küche.
„Was ist mit der japanischen Zierkirsche hier“, fragt Frank unvermittelt und deutet auf die überirdischen Wurzeln, die dicke Geschwülste im Rasen gebildet haben. “Steht der Baum nicht im Weg noch dazu so dicht am Haus?“
„Doch, den würde ich rausnehmen und einen neuen pflanzen“, pflichtet Herr Gregori ein wenig emotionslos bei. „Er versperrt doch nur den schönen Blick nach drüben. Oder hängen Sie sehr an ihm?“, fragt er mit einem kurzen Seitenblick auf mich und meine verräterische Miene.

„Ja schon, ich liebe diesen Baum, weil er auch wunderbaren Schatten spendet, wenn wieder ein so heißer Jahrhundertsommer kommt, außerdem klettert Geany gerne hinauf…“, antworte ich monoton leiernd, doch meine Stimme verliert sich in murmelnden Lauten, um dann ganz zu ersterben. Was soll ich gegen geballte Logik aufbringen. Ein Bündel an lächerlichen Emotionen etwa?

Herr Gregori verabschiedet sich. Ich spüre seine Hand, die eiskalt geworden ist, lasse meinen Blick über die Jacke gleiten, die für die Jahreszeit viel zu dünn ist.
„Ich werde  mir ein paar Gedanken machen und rufe Sie dann wieder an“, meint er abschießend. „Haben Sie noch einen Plan vom Garten damals?“
Wir vereinbaren,  die  Aufzeichnungen zu schicken und erklären ihm den schnellsten Weg nach Hause zurück.

 

 

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